Musik ist mehr als eine Aneinanderreihung von Tönen. Musik ist mehr als ein Beat. Musik ist mehr als ein Hintergrundrauschen unseres Alltags. Musik ist mehr als ein Produkt der Industrie.
Musik handelt von uns, unseren Leben, unseren Planeten, unseren Alltag, unseren Sorgen, Nöten und Glücksgefühlen. Musik handelt von Politik, Sex, Liebe, Ungerechtigkeit, Launen, fremden Ländern, braunen Schuhen, großen Schiffen.
Lieder und Tracks sind wie Bücher, Zeitkapseln, Manifestationen von Ideen. Im besten Falle legt ein Künstler sein Wesen, sein ganzes Leben in einige Minuten. Wer nimmt dies wahr? Wer erzählt davon? Wer gibt dies weiter?
Da sind die Leben der Musiker und ihre Umstände, ihre Motivationen und Fehlerhaftigkeiten oder auch ihre genialen Momente. Da sind Geschichten, die erzählt werden wollen. Von Verzweiflung und Katastrophen, von Hadern und Scheitern und von Schönheit und Erbauung.
Und da ist unser Leben, welches wir in deren spiegeln können. Wir hadern und wir gewinnen. Und wir brauchen Liebe und Ermutigung. Denn wir sind allein und brauchen uns gegenseitig. Wer, wenn nicht wir soll uns unterstützen? Musik öffnet uns und macht uns zu Gleichen unter Gleichen.
Die Vinylpredigt ist kein DJ-Act, nichts zum Tanzen, kein Hintergrundgeräusch sondern eine Auseinandersetzung mit unseren Leben und das der Leben unzähliger Musiker und deren Kunst. Zusammenhänge werden geschaffen, Hintergründe erörtert, Inhalte geliefert. Gemeinsam für 4 Minuten die Klappe halten und einen Song lauschen und den Text lesen: Worum geht es? Warum wirkt dies genau so? Weshalb nehmen wir dies unterschiedlich wahr?
Die Vinylpredigt ist kein Frontalunterricht, sondern ein Experiment. Das Thema, die Songs, der Raum, die Gäste ergeben jedes Mal eine einzigartige Anordnung. Zwischenrufe sind erlaubt, Dialog ist wichtig. Denn der Vinylprediger ist ein Individuum, ein Subjekt, kein alleswissender Halbgott, kein unangreifbarer diplomierter Checker. Er ist angreifbar und auch widerlegbar.
Die Schallplatte ist vielleicht ein Anachronismus. Wie wir Menschen vielleicht auch. Sie ist schwer, unhandlich, verletzlich, zerkratzt. Und doch trägt sie eine Würde in sich. Im besten Falle mit einem schönen Label, einen interessanten Cover, mit informativen und/oder auch unterhaltsamen Linernotes. Manchmal sind Poster dabei oder ist nur eine Seite gepresst. In den Auslaufrillen sind mitunter Botschaften eingeritzt. Schallplatten erzählen Geschichten, weil sie körperlich sind.
I SING the Body electric;
The armies of those I love engirth me, and I engirth them;
They will not let me off till I go with them, respond to them,
And discorrupt them, and charge them full with the charge of the Soul.
Walt Whitman
Haru Specks | Bilk, am 6. Februar 2014
